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Vortrag: Wirtschaftsethik

16. Juli 2015 @ 18:00 - 19:45

Die Zurückweisung des Wertfreiheitsanspruchs als Ausgangspunkte einer ethisch-kritischen Ökonomik

Warum eigentlich bedarf es einer pluralistischen Öffnung der Wirtschaftswissenschaften und damit der Überwindung der Hegemonie der neoklassisch-neoliberalen Standardökonomik? Die Antwort, die die meisten der wenigen, verstreut wirkenden heterodoxer Ökonomen geben, lautet: Die Neoklassik sei eine „Ideologie“, operiere also normativ und sei insofern überhaupt keine Wissenschaft. An die Stelle der Ideologie habe eine „realistischere“ Theorie zu treten, die die ökonomischen Fakten besser erkläre und somit genauere Prognosen erlaube.

Ob damit die Motive der Pluralo-Bewegung zutreffend beschrieben sind, ist fraglich. Dass die Neoklassik eine Ideologie ist, also eine ethisch falsche Sicht der Dinge gibt, darüber dürfte große Einigkeit bestehen. Doch soll und kann an die Stelle einer ethisch falschen eine streng positive, ihren Anspruch „wertfreie“, ethisch neutrale Theorie treten? Sie würde damit dem offiziellen, aber offenbar nicht eingehaltenen Programm des Mainstreams genügen. Endlich wäre ökonomische Theorie tatsächlich über jeden ethischen Zweifel erhaben.

Die Vorlesung möchte zeigen, dass ökonomische Theorie unausweichlich und faktisch normativ ist. Die Neoklassik ist im Kern eine Lehre der Rechtfertigung der Ökonomisierung der Welt und des Denkens. Diese, allerdings uneingestandene Normativität des Geltungsanspruchs der Neoklassik lässt sich handlungsethisch am Begriff der „Rationalität“ festmachen, politisch-ethisch am Begriff der „Effizienz“. Die Gleichsetzung von Rationalität bzw. Vernunft mit Nutzenmaximierung ist allerdings ethisch nicht rechtfertigungsfähig. Und das Urteilskriterium der Effizienz, welches an die Stelle eines gehaltvollen Gerechtigkeitsbegriffs tritt, hat den Sinn, die Verlierer des Wettbewerbs aus den Modellen herauszurechnen.

Doch auch eine faktisch rein positive, normativ entleerte ökonomische Theorie, soweit eine solche vorstellbar ist, wäre nicht ethisch neutral. Die Erklärung „der Tatsachen“ aus Tatsachen bedeutet in sozialökonomischen Zusammenhängen die Hinnahme der bestehenden Marktmachtverhältnisse. Im Zuge des Siegeszugs des Positivismus erhält die korrespondierende Deklaration nicht marktkonformen Agierens als „kontraproduktiv“ eine wachsende Bedeutung für die neoliberale Rechtfertigung der Herrschaft des Marktprinzips.

Die Alternative zu dessen Herrschaft ist die Einbettung und die Begrenzung der Entfaltung der Marktlogik – und natürlich nicht deren Beseitigung.

Zum Referenten: Ulrich Thielemann ist Direktor und Gründer des MeM – Denkfabrik für Wirtschaftsethik, Berlin. Zuvor war er bis 2010 Vizedirektor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen. Das MeM bearbeitet ökonomische Fragen unserer Zeit aus einer paradigmatisch neuartigen, ethisch-integrierten Sicht auf das Wirtschaften. Es möchte praktische Orientierungen bieten und Perspektiven eröffnen für eine Menschliche Marktwirtschaft. Dies betrifft sowohl die Ebene des Handels der Wirtschaftsbürger und Unternehmen jenseits radikaler Gewinn- und Nutzenmaximierung als auch die Ebene der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik jenseits bloßer Standortpolitik.

Leseempfehlungen:


… anschließend Workshop “Vom ehrbaren Kaufmann zur verbindlichen Corporate Social Responsibility” mit Stefan Dahle

Details

Datum:
16. Juli 2015
Zeit:
18:00 - 19:45
Veranstaltungskategorie:
Webseite:
http://plural-hannover.de/ringvorlesung-sose-2015/

Veranstaltungsort

Raum VII 003, Hörsaalgebäude (1507), Conti-Campus
Königsworther Platz 1
Hannover, 30167

Veranstalter

Plurale Ökonomik Hannover